Als Ministerpräsident wohnte Johannes Rau mit seiner Familie in Wuppertal-Elberfeld, aber die Regierungsgeschäfte fanden in Düsseldorf statt. Viele Briefe gehen ein und Johannes Rau beantwortet sie. Er arbeitet gern und viel. Eine 100 Stunden-Woche zählt bei ihm zur Normalbelastung. Bis zu zehn Termine absolviert er am Tag. Eine andere bis zur Perfektion betriebene Leidenschaft sind seine Geburtstagsbriefe. Das Sekretariat hat Anweisung, über rund 200 Freunde und Bekannte in einem Verzeichnis zu vermerken. Sie können sich darauf verlassen, einen handgeschriebenen Brief des Landesvaters zu erhalten. Nicht nur beim Schreiben beherrscht kaum jemand in der politischen Szene die Kunst der druckreifen, aufrüttelnden Rede so wie Rau.
Von seiner Freizeit opferte Rau ehrenamtlich viel Zeit für die Kirche. Schon als Predigersohn gehörte für ihn der Glaube und das Mitwirken in der Kirchengemeinde wie selbstverständlich zum Alltag. Er sprach später oft von seinem Leitgedanken „Versöhnen statt Spalten“, den er aus seinem christlichen Glauben ableitete. Schon Anfang der 1960er Jahre war er als „Urlaubspastor“ eingesprungen. Und wenn die eigenen Gedanken ausblieben, dann halfen Kirchenlieder. Er kannte die alten Lieder des Kirchengesangsbuches auswendig.
Seit 1950 ist Rau mit dem Evangelischen Kirchentagen eng verbunden. Bis 1974 gehörte er zum Präsidium und hält fast bei jedem Treffen bis 2005 Vorträge oder Bibelarbeiten.
Von Anfang an spielte im Leben des Politikers Rau das Verhältnis zum jüdischen Volk eine große Rolle. Er förderte Gedenkstätten und das christlich-jüdische Gespräch in seinem Bundesland. In einer Rede sagte er folgenden Satz: „Es gibt (in unserem Land) einen Wohnzimmerfaschismus, der täglich auftaucht“. Bei diesem Thema wird er klar und deutlich und gibt eindeutige Stellungnahmen ab. Seminare und Ausstellungen erfolgen und es gibt einen Jugendaustausch mit Israel. Auf Grund seiner Aktivitäten bekommt Rau 1986 die Ehrendoktorwürde der Universität in Haifa. Und das nicht nur in Israel, sondern auch in Deutschland und anderen Ländern. Er betont in seinen Reden die jüdische Kultur und Wissenschaft, die es in Deutschland und in Europa gab.
Am 16. Januar 1996 besucht der israelische Staatspräsident Ezer Weizman Deutschland und hält im deutschen Bundestag eine Rede. Johannes Rau hält stetigen Kontakt mit Juden in Israel und davon zeugen insgesamt 36 Reisen in dieses Land. Im Jahr 2000 kommt er mit seiner Frau nach Israel und spricht vor der Knesset, dem israelischen Parlament, in deutscher Sprache – eine historische Besonderheit.

Der Wunsch nach einem vereinten Deutschland hat Rau von Beginn seiner politischen Laufbahn bewegt. Es entstanden Ost-West-Partnerschaften zwischen Ortschaften, Vereinen und Kirchengemeinden. Als 19-Jähriger hatte Johannes Rau die Kirchengemeinde Oranienburg 1950 besucht, die mit Barmen-Gemarke schon eine Partnerschaft unterhielt. Rau arbeitete im Jugenddienst-Verlag und dieser Verlag versorgte die Ost-Gemeinden mit „Gegen-Literatur“ für Pfarrer, Religionslehrer und Schüler. Viele Besuche gab es zwischen den Gemeinden und viele der Bekanntschaften blieben bis an Raus Lebensende bestehen. Der Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 unterbrach die Kontakte zwar, die Verbindungen existierten aber weiter.
Der Fall der Mauer kam auch für Rau völlig überraschend. Am Abend des 9. Novembers hatte Rau in Leipzig eine Ausstellung zu eröffnen. Auf seinem Weg machte Rau in Berlin Station und traf sich mit Egon Krenz, dem damaligen Staatsratsvorsitzenden. Eine Stunde lang sprachen sie unter vier Augen über die politische Lage. Im Leipziger Gewandhaus eröffnete er um 19 Uhr noch die Kultur-Ausstellung Nordrhein-Westfalens. Während des Vortrags wird ihm ein Zettel zugereicht mit der Botschaft: „Die Mauer ist auf!“ Das verwirrte Rau. Später erzählte er: „Ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte. Jetzt einfach weiter reden, das geht nicht.“
Was seine Vision für Deutschland im Jahr 2020 sei, wurde er in seinem letzten Radiointerview 2004 gefragt, das er dem Sender Radio Wuppertal gab. Seine Antwort: „Freundlicher, weniger verkrampft, weniger mit sich selbst beschäftigt. Deshalb auch weltoffener.“
Als Johannes Rau am 30.Juni 2004 das Schloss Bellevue verlässt, hat er sich für seinen Ruhestand viel vorgenommen. Statt öffentlicher Veranstaltungen füllten nun Arzttermine seinen Kalender. Sein letzter Auftritt war eine Bibelarbeit auf den Evangelischen Kirchentag und die Einweihung der wiedererbauten Dresdner Frauenkirche im Oktober 2005. Er klagt über Atemprobleme und allgemeiner Schwäche. Es gibt eine OP an einer Herzklappe.
Elf Tage nach seinem 75. Geburtstag stirbt Johannes Rau am 27.Januar 2006. Bischof Wolfgang Huber leitet den Trauergottesdienst im Berliner Dom. Die Beisetzung fand auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof statt.

Ende der Reihe über Johannes Rau.
Klaus Ortmann