Wer hat gewonnen?
Vor einiger Zeit war ich im Kosovo unterwegs und kam mit einem Profifußballer ins Gespräch. Er stammt ursprünglich aus Ghana und spielt heute in der kosovarischen Liga. Natürlich musste ich die Gelegenheit nutzen und fragte ihn: „Was ist eigentlich der größte Unterschied zwischen afrikanischem und europäischem Fußball?“
Er lächelte und antwortete: „In Europa ist Fußball sehr taktisch. Es geht ständig darum, die Ordnung zu halten, die Vorgaben des Trainers einzuhalten und diszipliniert das System zu spielen. In Afrika spielen wir oft mehr aus dem Moment heraus. Wir reagieren auf das Spiel, auf die Dynamik und passen uns an.“
Das fand ich interessant. Doch dann erzählte er etwas, das mich noch mehr zum Nachdenken brachte.
„Nach den Spielen fragen mich die Leute hier fast immer: Wer hat gewonnen?“, sagte er. „Bei uns in Afrika fragt das kaum jemand als Erstes. Dort fragt man eher: Wie war das Spiel? Hat es Spaß gemacht? War es spannend? Ist es so gelaufen, wie ihr es euch vorgestellt habt?“
Ich musste schmunzeln. Tatsächlich scheint bei uns oft nur das Ergebnis zu zählen. 1:0 gewonnen – großartig. 0:1 verloren – schade. Ende der Geschichte. Die neunzig Minuten dazwischen verschwinden manchmal hinter einer einzigen Zahl.
Doch während ich ihm zuhörte, dachte ich: Eigentlich sind wir Christen manchmal gar nicht so anders als der europäische Fußball. Wir lieben unsere Abläufe, unsere Gewohnheiten und unsere Vorstellungen davon, wie Dinge zu sein haben. Auch in unseren Gemeinden und Gottesdiensten gibt es oft feste Muster. Das ist nicht grundsätzlich falsch. Aber manchmal stellt sich die Frage: Sind wir noch offen dafür, dass Gott uns überrascht?
Was geschieht, wenn Gott anders handelt, als wir es erwartet haben? Wenn er Menschen auf ungewohnte Weise berührt? Wenn er uns aus vertrauten Denkmustern herausführt? Halten wir dann an unseren „Taktiken“ fest oder sind wir bereit, mitzugehen, wenn Gottes Geist neue Wege öffnet?
Wie oft machen wir das auch im normalen Leben? Wir bewerten einen Tag nur danach, ob alles geklappt hat. Wir beurteilen Menschen nach Erfolg oder Misserfolg. Wir fragen nach dem Ergebnis und vergessen den Weg dorthin.
Dabei interessiert Gott sich oft mehr für das „Wie“ als nur für das „Was“. Nicht nur dafür, ob wir am Ende erfolgreich waren, sondern wie wir unterwegs gelebt haben: Ob wir ihm vertraut haben, ob wir bereit waren, uns von ihm führen zu lassen, ob wir andere geliebt und ermutigt haben.
Vielleicht wird Gott uns eines Tages nicht zuerst fragen: „Hast du gewonnen?“, sondern eher: „Wie war dein Weg? Hast du mir vertraut? Warst du bereit, dich von mir überraschen zu lassen? Hast du die Menschen geliebt, die ich dir an die Seite gestellt habe?“
Und vielleicht ist das eine Frage, die schon heute wichtiger ist als jedes Endergebnis.
Bleibt beGEISTert!
Rudi & Olga Schott