Vor 350 Jahren verstarb Paul Gerhardt in Lübben (Spreewald) am 27. Mai 1676. Er gilt als der bedeutendste und bekannteste Kirchenlieddichter nach Martin Luther. Gerhardts rund 130 Lieder zeichnen sich durch sprachliche Schönheit und Natürlichkeit aus; vor dem Hintergrund des 30-jährigen Krieges spiegeln sie persönliches Gottvertrauen und christliche Heilserfahrung wider.
Am 12. März 1607 wurde Paul Gerhardt in Gräfenhainichen im heutigen Sachsen-Anhalt das Leben geschenkt. Der Vater war von Beruf Gastwirt, später wurde er Bürgermeister von Gräfenhainichen. Dort besuchte Gerhardt die Schule, 1622 wechselte er auf die Fürstenschule in Grimma. Kurz zuvor war er elternlos geworden. Sein Vater starb 1619, die Mutter 1621.
1628 wurde Paul Gerhardt an der Wittenberger Universität immatrikuliert. Diese Uni galt als das höchste Glaubenstribunal des orthodoxen Luthertums (ein in sich geschlossenes, rechtsgläubiges System) und Ausbildungsstätte für künftige Theologen. Neben seinem Theologiestudium war er dort als Hauslehrer tätig.

Paul Gerhardt – Ein Ölgemälde von 1935
1642 wohnte Gerhardt in Berlin und arbeitete erneut als Lehrer im Haus seiner späteren Frau Anna Maria Berthold. In dieser Zeit lernte er Johann Crüger kennen (1598-1662) und war mit ihm freundschaftlich verbunden. Crüger war zu dieser Zeit Kantor der Berliner St. Nikolai-Kirche. Gerhardt pflegte mit ihm eine produktive Zusammenarbeit, hatte Crüger doch zu vielen seiner Gedichte die Melodien komponiert und die ersten 18 gedichteten Lieder in einem Gesangsbuch veröffentlicht (so z.B. „Nun ruhen alle Wälder“ und „Nun danket all und bringet Ehr“). Im Gegensatz zu damals berühmten Dichtern hatte Paul Gerhardt seine Lieder nie selbst gesammelt und herausgegeben. Die erste Veröffentlichung geschah erst durch Johann Crüger 1647.
Ein Jahr nach dem Druck wurde der 30-jährige Krieg beendet, unter dem die Berliner und die märkische Bevölkerung sehr zu leiden hatte. Die Lieder von Gerhardt wurden schon zu seinen Lebzeiten gesungen. Seine eigene Glaubenserfahrung, aber auch die seelsorgerlich tröstende und ermutigende Ausrichtung, traf die Menschen in ihrer Lebenssituation.
1651 wurde Paul Gerhardt mit 44 Jahren in der St. Nikolai-Kirche zum Pfarrer ordiniert und zwei Wochen später in Mittenwalde, südlich von Berlin, an der dortigen St. Moritz-Kirche als Propst und Inspektor eingeführt.

St. Moritz-Kirche in Mittenwalde
1653 erschien in 5. Auflage das Crügerische Liederbuch, in dem sich schon 64 Lieder von Gerhardt befanden. 1655 fand die Trauung mit Anna Maria Berthold statt. Fünf Kinder wurden dem Ehepaar geschenkt, von denen jedoch leider nur der Sohn Paul Friedrich die Eltern überlebte.
Mittenwalde war, wie viele Orte, durch den 30-jährigen Krieg verwüstet und verfallen. Dort lebte Gerhardt in bescheidenen Verhältnissen. In dem 1653 erschienenen Liederbuch erschien das in Mittenwalde entstandene Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“. Am bekanntesten wurde dieses Lied, als es von Johann Sebastian Bach in seine Matthäus-Passion Eingang fand. Von Psalm 37 inspiriert ist das Lied „Befiehl du deine Wege“. Aus Psalm 37,5 ist zunächst ein Gedicht entstanden, bei dem die Anfangsworte jeder Strophe hintereinander gelesen einen Spruch ergeben: „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen.“ Daraus entstand schließlich Paul Gerhardts Lied mit zwölf Strophen. Es ist das wohl volkstümlichste deutsche Kirchenlied geworden.

Titelbild des Gesangbuchs von Johann Crüger (Auflage 1721)
1657 erreichte Paul Gerhardt die Nachricht, dass er zum Pfarrer an der Berliner St. Nikolai-Kirche gewählt worden war. In der nachfolgenden Zeit starb Crüger 1662. Sein Nachfolger im Amt war Johann Georg Ebeling. Dieser verfasste eine Gesamtausgabe der Dichtungen von Gerhardt.
In Berlin geriet Paul Gerhardt in konfessionelle Auseinandersetzungen zwischen lutherischen und reformierten Christen. 1667 wurde er seines Amtes enthoben, weil er als überzeugter Lutheraner aus Gewissensgründen dem Toleranzedikt des reformierten Großen Kurfürsten nicht zustimmen konnte.
Im März 1668 verstarb Paul Gerhardts Frau Anna. Im Oktober 1668 wurde er nach Lübben an die später nach ihm benannten Paul-Gerhardt-Kirche berufen und 1669 in sein Amt eingeführt. Unter mehr als bescheidenen Bedingungen verbrachte er die letzten Jahre seines Lebens, die auch von Krankheit überschattet waren.
Paul Gerhardt hinterließ seinem Sohn Paul Friedrich 1676 ein Testament, in dem er den eindrucksvollen Versuch unternahm, sein sehr bewegtes Leben zusammenzufassen.
Klaus Ortmann