Als Verlagsbuchhändler wechselt Johannes Rau 1953 zum Wittener Luther- und Eckhard-Verlag und wird zum Verlagsleiter von zwei Häusern. Im Herbst wird er zusätzlich Geschäftsführer eines Jugenddienst-Verlages und nebenbei Hobby-Journalist.
1955 stirbt der Vater im Alter von 55 Jahren an den Folgen eines Unfalls. Schon als Jugendlicher im Bibelkreis ist Johannes Rau Gottes Wort und Gemeinschaft wichtig. Seine spätere Formulierung als Politiker lautet: „Der Christ hat Verantwortung für sein Land!“ Dieser Grundsatz durchzieht sein Leben.
1952 entsteht die „Gesamtdeutsche Volkspartei“ (GVP). Johannes Rau lernt einen der Gründer kennen, Dr. Gustav Heinemann, der Rechtsanwalt ist. Der Besuch wird ein Wendepunkt in seinem Leben. Von diesem Tag sagt er später: „Als Journalist war ich morgens aus dem Haus gegangen, als Politiker kam ich nachts zurück“.
Am 2. Dezember 1952 wird er Mitglied in der GVP. Bei der anschließenden Bundestagswahl erleidet die Partei jedoch eine Niederlage und löst sich auf. Viele Mitglieder, darunter auch Johannes Rau, schließen sich der SPD an. Für ihn wird diese Partei am 19. Mai 1957 seine neue politische Heimat.
Am 21. Juli 1958 zieht er als jüngster Abgeordneter in den Düsseldorfer Landtag ein. Seine offene und unkomplizierte Art, auf Menschen zuzugehen, verschafft ihm schnell Sympathien. Den späteren Titel „Bruder Johannes“ ertrug er mit Fassung. Die Anrede „Genosse“ lehnte er jedoch ab. Im Gegenzug hörten die Mitglieder ein schlichtes „Liebe Freunde“. Eine seltsame Mischung vereinte er in sich: fromm, aber nicht engstirnig, bibelfest, aber nicht fundamentalistisch, theologisch interessiert, aber nicht einer Schule zugehörig, bekennend, aber nicht aufdringlich missionierend.

Die Kraft des Wortes ist schon früh seine schärfste Waffe in der politischen Auseinandersetzung: Reden halten, die Menschen ansprechen und überzeugen
1967 wird Rau Fraktionsvorsitzender. In dieser Zeit spricht er direkt und schonungslos die NS-Vergangenheit an. 1969 bis 1974 wird Gustav Heinemann der dritte Bundespräsident. Er ist einer der politischen Väter von Johannes Rau gewesen und mit ihm lebenslang verbunden.
Trotz der Teilung Deutschlands pflegte Rau ständig Kontakte zu Gemeinden in der DDR. 1969 wird er, 38-jährig, für ein Jahr vom Stadtrat zum Oberbürgermeister von Wuppertal und 1970 zum Wissenschaftsminister von Nordrhein-Westfalen gewählt. 1978 gelingt es ihm, zum Ministerpräsidenten gewählt zu werden. Dies bleibt er bis 1998.
Die einzelnen Abschnitte seiner politischen Karriere stecken voller Euphorie und Enttäuschungen, voller Siege und Niederlagen. Es gab einen Unterschied zu anderen Politikern: Mit der Kraft seines Glaubens konnte Johannes Rau manche Niederlagen leichter wegstecken. So 1982 die Niederlage als Kanzlerkandidat, und 1994 zum Bundespräsidenten-Amt.
Im Herbst 1998 gewinnt die SPD die Bundestagswahl und bei seiner zweiten Bewerbung gewinnt Rau am 23. Mai 1999 die Wahl zum Bundespräsidenten im Berliner Reichstag.
In seinem politischen Amt war Johannes Rau nun Teil der Obrigkeit – das führte ihn in einen inneren Konflikt. Als staatstragender Politiker konnte er sich nicht mehr so offen äußern. Am Pfingstsonntag 1993 passierte es, dass in Solingen ein Wohnhaus in Brand gesetzt wurde, in dem seit 25 Jahre eine türkische Familie wohnte. Fünf Personen kamen dabei ums Leben. Jahre später sagte Rau, dass er an diesem Tag an dem Ausstieg aus der Politik gedacht hatte. Stattdessen setzte er von da an neue Akzente in der Zuwanderungspolitik. In seiner ersten Berliner Rede im Mai 2000 sprach er darüber. Noch einmal wurde er ratlos, als ein junger Mann in Erfurt, im Mai 2002, in einer Schule dreizehn Lehrer, zwei Schüler und einen Polizisten ermordete. Es war für ihn eine der schwersten Stunden seines Lebens, als er die richtigen Worte finden musste.
Auf die Frage „Was war ihr größter Fehler?“ antwortete Johannes Rau 2001: „Dass ich so spät geheiratet habe.“ Seine Ehefrau wurde Christina Delius, Enkelin des ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann.

Sogar die engsten Freunde waren überrascht, als die beiden sich in der Londoner Westminster City Hall das Ja-Wort gaben
Die Medien zeigen früh Interesse an Rau als Privatmann. Schon 1978 wird er ständig danach gefragt, warum er nicht verheiratet sei. 1981 ist Christina öfters in Raus Nähe zu sehen. Sie halten ihre Verbindung geheim. Familienmitglieder werden erst sechs Wochen vor der geplanten Hochzeit informiert. Die standesamtliche Trauung findet am 9. August 1982 in London statt. Christina ist dort zur Schule gegangen und hat Politikwissenschaft studiert. Der 51-jährige Ministerpräsident und die 25-jährige Christina Delius geben sich am 22. August 1982 auf der Nordseeinsel Spiekeroog das Ja-Wort. Zwei Töchter und ein Junge kommen zur Welt. Die Familie wohnt in Wuppertal-Elberfeld.

Viel Zeit füreinander ist ihnen schon zu Beginn ihrer Ehe nicht vergönnt. Der Arbeitstag dauert oft bis in die Nacht.
Fortsetzung folgt.
Klaus Ortmann