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Johannes Rau – Teil 1: Versöhnen statt spalten

31. Dezember 2025

Vor 20 Jahren, am 27. Januar 2006, ist Johannes Rau, der von 1999 bis 2004 Bundespräsident war, im Alter von 75 Jahren verstorben. Er war ein Politiker, der sich nicht scheute, an die Macht der Versöhnung zu glauben – und dies auch öffentlich bekannte. Der Christ und Sozialdemokrat hat sich in seinem Handeln immer von Toleranz, Solidarität und Loyalität leiten lassen. Er setzte sich für die Aussöhnung zwischen Deutschland und Israel ein. Und zur Verständigung zwischen Ost- und Westdeutschland.

Am 16. Januar 1931 wurde Johannes Rau in Wuppertal geboren. Der Vater, Ewald Rau, ein gelernter Kaufmann, hat sein Textil-Einzelhandelsgeschäft aufgegeben, um im Blauen Kreuz als Vereinssekretär zu arbeiten. Dafür ist er manchmal wochenlang im Kampf gegen Alkohol und Tabak unterwegs. Ewald Rau heiratet 1925 Helene Hartmann, deren Vater beim CVJM ein führender Kopf im evangelischen Jugendverband war. Johannes hat noch vier Geschwister, zwei Mädchen und zwei Jungs.

Die Mutter ist eine bescheidene, dabei stets zuversichtliche und fröhliche Frau. Ein starker Glaube und die Liebe zu ihren Mann sind ihre Stützen bei vielen Entbehrungen. Die Eltern erziehen ihre Kinder in christlicher Überzeugung. Die Autorität des Vaters in der Familie ist stark. Wenn er sich auf seine Einsätze vorbereitet, dürfen die Kinder nicht stören. Trotz Strenge und Disziplin gehören dazu auch Ermutigung, Lob und ein liebevoller, humorvoller Umgang. Es herrscht das Prinzip des „offenen Hauses“. Die Kinder wurden aufgefordert, Freunde und Schulkameraden nach Hause einzuladen. Sonntags ging Johannes mit seinen Geschwistern regelmäßig in den Kindergottesdienst, mit neun Jahren nimmt er an einem Schülerbibelkreis teil.

1933 kamen die Nationalsozialisten an die Macht. Und in dieser Zeit wurde die evangelische Gemeinde zu einer zentralen Figur. Als „Bekennende Kirche“ hat sie sich mit der „Barmer Theologischen Erklärung“ von der NS-Partei und den „Deutschen Christen“ abgegrenzt. Letztere wollten die Landeskirche abschaffen und dafür eine zentral gelenkte Reichskirche installieren – und die Judenchristen ausschließen.

Ein Mitverfasser der Barmer Erklärung war der Pfarrer Karl Immer. Die Nazis entfernten ihn 1934 aus seinen Ämtern. Aber die Kirchenleitung, das Presbyterium, beschließen in einem Akt des Widerstandes, ihn zu behalten. Der Pfarrer beugt sich den Nazis nicht. Als diese Kommunisten in ein nahegelegenes KZ verschleppen, ist Pfarrer Immer die Anlaufstelle für die Angehörigen und verspricht, zu helfen. Dieses Gottvertrauen und seine Offenheit bewirken einen nachhaltigen Eindruck auf Johannes, der zusammen mit seinen Geschwistern früh Einlass ins Pfarrhaus Immer findet. 1939 wird Vater Ewald Soldat, kämpft in Belgien, Italien und schließlich an der Ostfront. Pfarrer Immer wird verhaftet und stirbt im Juni 1944 in einem Berliner Gefängnis.

Johannes Rau (2. von rechts) im Kreis seiner Eltern und Geschwister

Johannes Rau hat den Bergischen Pietismus von Kindheit an in sich aufgesogen – und hat sich schließlich doch von ihm entfernt. Außer Pfarrer Immer nennt er noch andere Glaubensmänner, die ihm zum Vater wurden. Und von diesen Wahlvätern ließ sich Johannes auf den Weg zu einem „freien Christenmenschen“ mit eigenen Profil bringen. Hier liegt der Schlüssel dafür, dass Johannes Rau in seinem Leben nie dogmatisch geworden ist.

Als der Vater gerade von der Front die Heimat besucht, erlebt Wuppertal einen Luftangriff und brennende Häuser. Prägende Erlebnisse wie diese bilden den Keim für Raus späteres pazifistisches Engagement.

Ostern 1942 wechselt der begabte Junge auf das humanistische Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium. Als es durch Bombardierung zerstört wird, kommt die Schule nach Gera. Kurz darauf kommt Vater Rau schwer verwundet nach Hause und arbeitet jetzt als freier Evangelist. 1947 wechselt Rau auf ein Gymnasium, das er aber 1948 wieder verlässt. Stattdessen fängt Rau am 1. Januar 1949 bei einem Buchverlag eine Lehre als Verlagsbuchhändler an. Dem Lehrling werden viele Aufgaben übertragen. Durch seine Fähigkeiten wird er schon in seiner Ausbildung Verlagsvertreter. Mit einen alten Opel fährt er durch die Republik, um das Verlagsprogramm anzubieten. Ende 1951 endet die Lehrzeit mit einen Kurs für angehende Buchhändler und einer Abschlussprüfung.

Fortsetzung folgt.
Klaus Ortmann